15:59:53 29.01.2008 Woche: 80
Wie man ganz nebenbei zu neuen Schwestern kommt
In Arequipa ist der Himmel wolkenverhangen, am Pazifikstrand nicht. Deswegen hat sich meine Familia - also Adriana und Paulo - zum Übersommern in ihrem Strandhäuschen in Camaná entschlossen.
Um das Szenario "Gringa allein zuhaus" zu vermeiden, ist Yovi, ihres Zeichens der gute Engel unsrer Küche, mit ihren beiden Töchterchen Lesly (11) und Karen (10) ins Haus gekommen und wohnt jetzt in dem Zimmer der Freiwilligen.
Vorher bin ich mit Yovi nie viel zum Reden gekommen. Es war auch immer eine etwas seltsame Situation. Wir haben immer im Esszimmer gegessen, Yovi in der Küche. Ich hasse das Geräusch von Adrianas Gabel, wenn sie damit gegen das Glas haut und Yovi in der Küche zu verstehen gibt, dass es Zeit ist, den zweiten Gang aufzutragen. Ich habe mich auch nie wohl gefühlt mit Yovis "Señorita Sabrina" und dieser privilegierten Überlegenheitssituation, die ich nicht wollte, die aber einfach existierte.
Jetzt, wo Adriana nur temporär zuhause vorbeihüpft, liegt die Sache Gott sei Dank anders. Nachdem wir uns die ersten Tage im grossen Haus immer nur sporadisch über den Weg gelaufen sind, sind wir irgendwann richtig zum Quatschen gekommen und an dem Abend habe ich dann kurzentschlossen mein Abendbrotgeschirr, das Yovi schon im Esszimmer platziert hatte, in die Küche zu ihr und den Mädels gestellt. Und ab da war das unbequeme Eis dann auch gebrochen.
Als Lesly und Karen von meinem Einzelkinddasein erfuhren - das sie wie die meisten Peruaner unnatürlich und traurig finden -, beschlossen sie spontan meine Adoption: "Mama, können wir nicht die Schwestern von Sabrina sein?" Und somit hab ich jetzt zwei kleine peruanische Schwesterchen und mit Yovi eine neue Freundin, die ganz allein den Sprung von der "Señorita" zu "Sabri" geschafft hat.
Mittlerweile ist es normal, dass wir alle zusammen essen (ausser morgens, wenn ich früh los zur Uni muss), gemeinsam Filme gucken (Lesly, Karen und Yovi schmelzen dahin bei einer koreanischen Telenovela, die wir uns unbedingt auf DVD kaufen mussten, damit ich sie auch kennen lerne), Karten spielen (ich habe Lesly die ganzen Witz-Kartenorakel gezeigt, mit denen wir uns damals in der Schule unser zukünftiges Liebesleben und andere Sachen vorhergesagt haben - ohne zu ahnen, was ich damit auslöse. Yovi zu mir, einen Tag nachdem Lesly bei ihren Grosseltern zuhause war: " ... und aller Welt hat sie die Zukunft aus den Karten gelesen ...") und Witze erzählen.
Natalia hatte mir gezeigt, wie man Armbänder flechtet, das habe ich jetzt Lesly und Karen beigebracht und es ist das grosse Armbandfieber ausgebrochen, die beiden machen gar nichts anderes mehr.
Heute kommt mal wieder Adriana vorbei und ich ertappe mich dabei, dass mir das irgendwie gar nicht passt, weil das Leben allein mit Yovi und den "Chukis" (in Anlehnung an irgendeine Horrorpuppe, die hier in Perú alle kennen, nennen wir drei Adoptivschwestern uns nur noch "Las Chukis") viel entspannter ist. Ganz schön böse.
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