ArchivEs sind 3 Einträge in der 7. Woche vorhanden. 11.09.2006 - 17.09.2006
00:01:18 16.09.2006 Woche: 7
Ay, ay, ay, así es la vida
Das war's ...
Nun ja, jedenfalls der grösste Teil. Heute war mein letzter Tag mit meinen niños. Unglaublich, oder? Bin ich nicht erst gestern angekommen? Ich kann mich noch viel zu gut an meine ersten Minuten in der guardería erinnern. Ein Haufen Kinder, von dem ich nicht weiss, wie ich sie jemals auseinander halten soll. Knapp zwei Dutzend Augenpaare mustern mich, ein wenig misstrauisch, wie mir scheint, und ich frage mich, ob sie mich gringa jemals akzeptieren werden, ob ich jemals an diese Kleinen herankommen werde ... Und ein paar Momente später sind meine Zweifel schon zerstreut, als ich mit den niños über ihren Puzzles sitze, als wir zum Spielen nach draussen gehen und ich das erste von vielen Malen unter einem Berg fröhlicher Kinder begraben liege ... Das war doch gestern, oder?
Jetzt ist die Zeit um, die ich mit diesen 23 kleinen Teufeln verbracht habe. Ganz hab ich's noch nicht begriffen. Heute sind sie mir noch einmal auf den Schoss geklettert, wollten gekitzelt werden, "rompecabezas" machen und Kinderlieder singen, die ich mittlerweile auch auswendig kann. Ich wusste nicht genau, wie ich ihnen sagen sollte, dass ich nicht wiederkommen würde.
Letztendlich wussten sie es wohl besser als ich dachte.
Kurz bevor ich los musste und bei der kleinen Fernanda sass, um sie irgendwie zum Essen ihrer Leber (iieh) zu bewegen, bauten sich alle niños, die heute gekommen waren, um meinen Tisch auf und sangen mir unter Leitung von Lucila ein Abschiedsständchen: "gracias señorita Sabrina ..." ... und kamen dann, einer nach dem anderen, um "chao" zu sagen, Abschiedsdrücker- und küsschen abzuholen. Tja ... Señorita Sabrina heulte wie ein Schlosshund, etwa ab der ersten Note ... Und wie sollte ich auch damit aufhören, wenn doch ständig noch mal ein niño ankam, von dem ich mich zwar schon verabschiedet hatte, das aber trotzdem noch mal gedrückt werden wollte?
"Chao, chao ...", einer hängt sich noch einmal an meine Beine, einer winkt mir zu, dann schliesst sich die Tür der guardería zum letzten Mal hinter mir, Lucila und ich gehen zum Bus. Wenigstens schaffe ich es auf dem Weg, mich zu beruhigen, weil sie mich dazu bringt, mich an all die kleinen lustigen Sachen zu erinnern, die die niños gesagt oder gemacht haben. Bis ich dann in meinem combi sitze und weiss, es ist das letzte Mal, dass ich die Strassen Arequipas so runter rumple ... An der Ecke steht Ariana, eine von den Grossen, die von ihrer Schwester abgeholt worden ist, und winkt mir zu. Und das war's. Die anderen Leute im combi wundern sich vielleicht über die weinende gringa. Aber - "así es la vida", so ist das Leben, versucht mich Teofi, die Köchin, zuhause zu trösten. Natürlich hat sie Recht. Así es la vida - aber diese niños werden mir doch verdammt fehlen!
Letztes Mal editiert: Um 00:01:43 am 16.09.2006 permaneter Link zu diesem Eintrag
01:50:08 12.09.2006 Woche: 7
Wir sind die Hoffnung der Welt ...
Die Peruanos sind sich der Probleme ihres Landes bewusst. Aber ich habe das Gefühl, dass sie sich mit dem Gefühl trösten, die grosse Hoffnung der Welt zu sein, da sie sich ja "en pleno desarrollo", mitten in Entwicklung, befinden und eines Tages aufblühen werden. Und das, davon sind sie fest überzeugt, ohne die Fehler Europas und Nordamerikas zu machen. Zum Beispiel hat die Familie hier einen ganz anderen Stellenwert - noch? Teilweise ist das für mich eine ganz neue Erfahrung. Und zwar insofern, dass mir hier niemand das Gefühl gibt, ich müsste mich dafür rechtfertigen, dass ich mich gut mit meinen Eltern verstehe, noch zu Hause wohne und das gerne - Details, die auf unserer Seite des Ozeans gern als Zeichen von Unselbstständigkeit angesehen werden. Hier sind es Selbstverständlichkeiten, aber oft auch Notwendigkeiten. Schliesslich gibt es kein Sozialsystem wie in Deutschland. Familienmitglieder sind ganz anders aufeinander angewiesen. Und die meisten Jugendlichen haben nicht die Mittel, mal eben auszuziehen, was bei uns ja doch die meisten hinkriegen, die es auch hinkriegen wollen.
Aber zurück zum Thema. Perú sieht sich als ein Land, das vorankommen und sich entwickeln will. Zumindest sind "Fortschritt", "Entwicklung" und "Vorankommen" feste Bestandteile aller politischen Parolen, die ich bisher auf den Hauswänden gesehen haben - ja, hier werden weniger Plakate aufgehängt als vielmehr politische Botschaften auf Mauern und Wänden aufgemalt. Alle Politiker versprechen Fortschritt und Entwicklung, obwohl dabei nicht ganz klar wird, was genau sie darunter verstehen. Auf dem Weg zu meiner guardería komme ich an einer Schule und einem Sportplatz vorbei, die "Progesista", in etwa "der Fortschreitende, der Fortschrittliche" heissen. Und es gibt auch ein Viertel dieses Namens. Aber niemand sagt so genau, wohin die Herren Politiker ihre Wähler fortschreiten lassen werden. Nur direkt in Miguel Grau verspricht der Kandidat fürs Bürgermeisteramt bessere Strassen, Kindergärten und Internet für alle. Der Rest beschränkt sich auf Slogans wie "Voran kommt die Region mit Vera Ballón". Anfangs dachte ich, dabei handle es sich um eine Frau namens Vera, Vera Ballón. Allerdings belehrten mich dann doch diverse Plakate mit Fotos, dass es sich um einen Herren Sowieso mit den Nachnamen Vera und Ballón handelt (in Spanien und Lateinamerika hat jeder zwei Nachnamen). Herr Vera Ballón ist von der Regierungspartei Apra und vor ein paar Tagen bin ich an deren Niederlassung in Arequipa vorbeigelaufen und freute mich über die schöne Musik, die aus dem Haus drang, bis ich auf den Text achtete und feststellte, dass es sich um eigens für Vera Ballón komponierte Lieder handelte: in Ohrwurmform verpackte Wahlkampfslogans. Das könnte die peruanische Kreativität sein, die in der Inca-Kola-Werbung angepriesen wird ...
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01:36:13 12.09.2006 Woche: 7
Begegnungen mit dem Ausserperuanischen
... witzig ...
... nach "Bachner" bin ich auf eine Radiowerbung gestossen, die die Genialität "Mossárs" anpreist. Bis endlich Musik eingespielt wurde und ich begriff, dass es sich um eine Hommage an Mozart handelte ...
... irgendwie berührend ...
... wenn ich nach Hause komme und meine Familia Musik von "Estrauss", Beethoven, Tschaikowsky oder Smetana laufen hat ... irgendwie passt das nicht so recht hierher und gleichzeitig sind das alles vertraute Melodien und ich fühle mich in meine Schulzeit zurückversetzt, folge Note für Note dem Lauf der Moldau, den Geschichten aus dem Wienerwald oder sehe tanzende Nussknacker vor mir ... lauter Sachen, die dafür meine Familia nicht kennt ...
... leicht befremdlich ...
... wenn ich in einer Bücherei stehe und vor mir ein Buch mit dem Titel "Mi lucha" liegt, das ich einen Moment anstarre, in Gedanken den Titel übersetze und fast darüber stolpere: da war doch was, das kann doch nicht sein ... Doch: vor mir liegt für umgerechnet etwas mehr als einen Euro Hitlers "Mein Kampf" auf Spanisch. Bin ich als Europäerin bzw. als Deutsche zu zart besaitet oder kommt es mir mit Recht etwas unpassend vor, dass man dieses Buch in Perú nicht nur ganz einfach kaufen kann, sondern dass es auch noch mit der grössten Selbstverständlichkeit zwischen Klassikern der Welt- und der peruanischen Literatur liegt?
... konsequent ...
... auf den CD-Covern sind die Titel der meisten englischen Lieder durchgehend ins Spanische übersetzt, was nicht heisst, dass es sich dann auch um spanische Versionen handelt -- allerdings gibt es davon auch genug: "Voyage Voyage", "Coco Jamboo" und, was für mich der grösste Lacheffekt war: "live is life" von Opus ...
... erschreckend ...
... wenn ich nicht mal auf dieser Seite des Ozeans den Klängen von MODERN TALKING entfliehen kann ... kam neulich ernsthaft im Radio ... HILFE!!
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