Archiv

Es sind 1 Einträge in der 67. Woche vorhanden. 04.11.2007 - 11.11.2007

21:08:10 11.11.2007 Woche: 68

Bolivien

Auf meinem Kalender ist der 15. November fett eingekreist: da läuft mein Studentenvisum ab. Was tun, um es zu verlängern? Den Stress auf sich nehmen, wieder ein - kostenpflichtiges - Studentenvisum zu bekommen, das wahrscheinlich sowieso niemand sehen will und wofür man endlos Dokumente von der Uni benötigt, die man durch den gegenwärtigen Streik nie bekommen wird? Oder einfach den klassischen Weg gehen, 72 Stunden ausreisen und auf der Rücktour ein kostenloses Touristenvisum einstreichen, das dafür ebenso wie das Studentenvisum 90 Tage gültig ist?

Relativ spontan entschied ich mich letzten Freitag für die zweite Variante. Die bolivianische Grenze ist von Arequipa nur etwa acht Stunden Fahrt entfernt, und so kam ich kurz vor fünf Uhr früh in Desaguadero an, das am Südende des Titicaca-Sees liegt, auf etwa 3.800 m Höhe. Und in dieser spezifischen Kombination heisst Uhrzeit plus Höhe gleich Schweinekälte. Ich war warm eingepackt und bibberte mich langsam die noch leeren Strassen der peruanisch-bolivianischen Grenzstadt entlang. Über die bleigraue Oberfläche des Sees konnte man bis zu den schneebedeckten Gipfel einer Bergkette sehen, die laut Reiseführer viel weiter entfernt ist, als es aussieht. Irgendwo vor mir, auf der anderen Seite einer Brücke, stand ein Schild: "Bienvenidos a Bolivia", willkommen in Bolivien. Doch davon konnte noch keine Rede sein, denn vorher musste ich Grenzformalitäten erledigen, und die zuständigen Ämter öffneten erst um 7.30 Uhr.
Ich hockte mich vor der Polizeistation ins Freie, weil nun die ersten Sonnenstrahlen auf Desaguadero fielen und mich langsam, aber sicher auftauten. Langsam füllte sich die Strasse mit Leben: Geldwechsler bauten ihre Tischchen auf, Strassenverkäufer ihre Stände mit Obst, Knabbereien und - passenderweise - warmen Decken. Immer mehr Leute warteten mit mir auf die Öffnung der Polizeistation - dort bekommt man einen Stempel - und der Migraciones - dort muss man das Papier mit dem Stempel abgeben.
Da mir bezüglich dieser Reihenfolge jeder was anderes erzählte, fand ich mich plötzlich ganz am Ende der Warteschlange wieder, die schon bis zur nächsten Ecke reichte und in der natürlich niemand so viel Gepäck hatte wie ich (einen Trekkingrucksack mit diversen nach Deutschland zu schickenden und daher nicht so leichten Objekten, nebst Gebrauchsgegenständen, die sowieso mitgenommen werden müssen ...). Mittlerweile war es auch fast zu warm.
Letztlich ging das Procedere schneller vor sich, als ich gedacht hatte, und triumphierend spazierte ich über die Grenzbrücke auf die bolivianische Seite ... wo das Ganze noch mal von vorne losging (Karte ausfüllen, Stempel holen und dann Karte abgeben, jeder Schritt ist mit einer Schlange verbunden).

Dann wanderte ich durch den bolivianischen Teil der Stadt, der nicht unbedingt viel verheissungsvoller aussah, und schaffte es endlich, einen Platz in einem Combi nach La Paz zu bekommen. Die etwa zweieinhalbstündige Fahrt kostete umgerechnet einen Euro.

Obwohl das Combi alles andere als bequem war, nickte ich zwischendurch ein. Die Strasse war gut - keine Selbstverständlichkeit für Bolivien?.

Von La Paz erwartete ich nicht viel. Ich fuhr hin, weil es in Reichweite war und weil es nicht schaden konnte, es mal kennen zu lernen. Aber die Bilder, die ich kannte, mit vielen Hochhäusern, fand ich nicht besonders anziehend.
Als das Combi schliesslich La Paz erreichte, verschlug es mir doch den Atem; die Stadt liegt in einem Talkessel, breitet sich bis auf die Bergflanken aus. Die Hochhäuser und Wolkenkratzer, die sich in ihrem Zentrum erheben, wirken von oben gesehen irgendwie stimmig. Und über allem erhebt sich stolz und schneebedeckt der 6.800 m hohe Vulkan Illimani. Neben mir spekulieren meine Mitfahrerinnen darüber, wie leicht La Paz durch ein Erdbeben, einen Erdrutsch oder starke Regenfälle zerstört werden könnte - und tatsächlich haben wohl vor einer Weile Regenfälle eine kleine Überschwemmung verursacht, denn sie unterhalten sich ausgiebig über die traurigen Schicksale einiger Todesopfer und ihrer Angehörigen.

Als uns das Combi irgendwo in diesem immensen Talkessel, gefüllt von Stadt, aussteigen lässt, sind mir zwei mitgereiste Damen sofort behilflich und teilen sich mit mir das Taxi bis zur Plaza San Pedro, die eigentlich Plaza Sucre heisst, was mir aber in diesem Moment egal ist. Ich kome dort an und lasse mich in das Hotel plumpsen, das mein Reiseführer empfiehlt und das etwa so viel kostet wie ein Hotelzimmer in Perú. Billiger? Ist sicher möglich. Zentraler und ruhiger? Keine Ahnung. Aber ich habe keine Lust zu suchen.

Am Nachmittag spaziere ich durch La Paz, und ein Wunder ist geschehen: Ich mag die Stadt. Ich mag sie sogar sehr! Der Prado, die Hauptverkehrsachse, ist eine langgezogene Allee unter Bäumen, mit Parks, alten und pseudo-alten Häuserfassaden, Treppen und eben jenen Hochhäusern mit glitzernden Glasfassaden. Es geht mal bergauf und bergab. Der Verkehr ist viel ruhiger als in Perú, und anders als in Arequipa grinsen mich nicht ständig männliche Passanten jeden Alters an, um "Hola", "Hello Miss" oder, Krönung, "Hello Mister" zu sagen. La Paz ist erstaunlich ruhig, und obwohl ich viele schlimme Geschichten über Überfälle gehört habe und etwas vorsichtiger bin, als ich es in Perú wäre, fühle ich mich wohl und keineswegs unsicher.

La Paz - so beschreibt es mein Reiseführer - ist ein einziger Strassenmarkt. Das ist gar nicht so falsch. Am Sonntag mache ich mich auf den Weg zum Markt, und noch bevor ich ihn erreiche, hat er mich erreicht. Der Markt ist ein riesiges Gewächs, ein Labyrinth, das seinen Besucher einspinnt und ihn erst wieder freigibt, wenn er sich den Weg erkauft hat. Dabei ist auch der Gang über den Markt hier entspannter als ihn Perú: Ich kann mir Sachen länger als drei Sekunden anschauen, ohne dass eine Marktfrau mich gewinnend anlächelnd und mir gönnerhaft erklärt, dass ich "sin compromiso" jederzeit alles fragen kann. Natürlich passiert das auch. Aber nicht so oft, jedenfalls kommt es mir so vor.

Weitere Sehenswürdigkeit: Das Coca-Museum. Wirklich recht empfehlenswert, Eintritt 8 Bolivianos (etwa 80 Cent), klein und liebevoll eingerichtet. Es informiert über Geschichte und Tradition der Coca-Blätter, über ihre Bedeutung für die Andenbevölkerung, auch über ihren Missbrauch und die Kokaingewinnung - und es weist mit unverhohlenem Stolz darauf hin, dass Coca Cola ursprünglich Kokain enthielt, und mittlerweile immer noch Coca für den Geschmack! Angeblich kaufen die USA, die soviel Geld in Kampagnen gegen den Coca-Anbau investieren, selbst das meiste Coca für ihr Lieblingsgetränk ... Die Botschaft des Museums ist jedenfalls klar: Coca ist keine Droge! Und ich bedaure es einmal mehr, dass ich nicht einmal meine geliebten Tee-Beutelchen mit nach Deutschland nehmen darf, um dort in den kalten Wintermonaten einen mate de coca zu schlürfen ...

Was gibt es noch zu erzählen?
Ach ja, Copacabana.
Von La Paz fahre ich am Montag zurück an den Titicacasee. Copacabana ist ein anderer Grenzort, aber kleiner (?) und reizvoller als Desagaudero; bekannt vor allem als Wallfahrtsort. Der Indio Tito Yupanqui soll im 16. Jahrhundert in Potosí - auch Bolivien - eine "virgen", also eine Madonna, angefertigt haben, die er auf verschlungenen Wegen nach Copacabana brachte. Die kleine, unscheinbare Statue ist heute die Nationalpatronin Boliviens und steht fast etwas verloren in einer riesigen, beinahe maurisch anmutenden und blendend weissen Kathedrale.

Mehr als von den Pilgern scheint Copacabana mittlerweile vom Tourismus zu leben, denn von hier aus gehen Touren auf die Isla del Sol und Isla de la Luna, ein Ausflug, den ich definitiv noch mal machen werde, aber diesmal zeitlich nicht geschafft habe. Von der Plaza aus führen Strassen hinunter zum See; eine Reiseagentur reiht sich an die nächste, nur hier und da unterbricht ein Touristenlokal die Kette. Und am Ende der Strasse leuchtet das intensive, fast mediterrane Blau des Sees.

Am Dienstag morgen geht es zurück, über Puno nach Arequipa. Ich habe ein neues Visum in der Tasche, aber auch viele neue Eindrücke. Wenn ich nach meinem Semester noch einen Monat zum Reisen abzweige, wird mich mein Weg definitiv nach Bolivien führen.

permaneter Link zu diesem Eintrag

 Links

 Archiv

Verantwortliche: Sabrina Zelezny, Robert Kubiak | nach oben