17:48:11 21.10.2007 Woche: 65
Señor de los Milagros
Hier in Perú ist gerade der lila Monat, "el mes morado". Was bedeutet das?
Es gibt eine Legende (im Zweifelsfall gibt es sowieso immer eine Legende). Vor vielen Jahren (ich schätze mal, im 16. oder 17. Jahrhundert, aber ich bin zu faul, um genau nachzusehen), malte ein schwarzer Sklave in Lima mit erstaunlicher Kunstfertigkeit den gekreuzigten Jesus auf eine Wand. Warum er das machte, woher er die Farbe hatte und warum er überhaupt so gut malen konnte, ist nicht überliefert, aber auch irrelevant. Kurz darauf gab es ein Erdbeben, und alle Wände fielen in Schutt und Asche, nur die mit dem Jesus blieb natürlich stehen. Beeindruckt von diesem Wunder kamen die Leute in Scharen, um vor dem Bild zu beten, das sich nicht lange bitten liess und bald viele weitere Wunder wirkte. Seitdem wird dieser Jesus als der "Señor de los Milagros", als Herr der Wunder, und auch als Schutzherr gegen Erdbeben verehrt.
Jedes Jahr im Oktober gibt es nun gewaltige Prozessionen, vor allem in Lima sollen sie gewaltig sein. Die Gläubigen kleiden sich in Lila - die Frauen in einen Habit mit einer weissen Kordel um die Hüften, die Männer belassen es oft bei einer lila Krawatte -, wenn sie während dieses Monats Buße tun und Verzicht üben (ich kleide mich nicht in Lila, verzichte in diesem Monat aber großzügig aufs Abnehmen und sparsam sein). Auf die Frage, warum eigentlich Lila, hat mir Adriana erklärt, dass es mit dem schwarzen Maler des Bildes zu tun habe, der mit einer dunklen Farbe assoziiert wird. Aha. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Die Tradition lebt jedenfalls, ich sehe viele Leute in Lila und auch viele Häuser werden mit lila und weissen Girlanden oder Kerzen dekoriert.
Gegessen wird ein typisches Gepäck, Turrón de Doña Pepa, der für meinen Geschmack etwas zu viel Anis hat, aber immerhin sehr schön anzuschauen ist mit vielen bunten Zuckerkügelchen. (Was die machen, die gerade fasten, weiss ich nicht, aber ich vermute, sie erfreuen sich wirklich nur am Anblick des Turrón.) Ausserdem ist jetzt auch "Mes de los Wawas", Monat der Wawas. Wawa heisst Baby auf Quechua und ist ein im peruanischen Spanisch fest integrierter Begriff; in diesem Zusammenhang bezeichnet er ein süsses Brot, das vielerlei Formen und Füllungen aufweisen kann und ein nicht essbares Gesicht aufgesetzt bekommmt. Das kann ein Babygesicht sein, in meinem Fall war es ein pinkfarbenes Shrek-Antlitz. Über die tiefere Verbindung eines Pixar-Ogers mit der andinen Kultur sinne ich noch nach. Mit den Wawas macht man sich, soweit ich gehört habe, viel Spass, es werden Taufpaten bestimmt und Taufen durchgeführt, immerhin sind es Babys. Wir haben sie ehrlich gesagt nur gegessen. Ich bin gerade nicht sicher, inweiweit der Mes de los Wawas noch in den November hineinreicht - schön wäre es, denn die Dinger sind lecker und ich muss noch die finden, die mit Manjar gefüllt sind.
Eigentlich wollte ich noch über die Prozession des Señor delos Milagros schreiben, die genau vor unserem Haus vorbeigezogen ist. Das Bild wird nämlich nicht nur in Lima, sondern in allen Städten Perús (als Kopie natürlich) durch die Strassen getragen.
Das Kuriose und vielleicht typisch Peruanische hierbei ist, dass bis etwa 30 Minuten vor der Prozession ganz normal der Strassenverkehr über den späteren Prozessionsweg donnert: Combis und Taxis, die sich gegenseitig in Rücksichtslosigkeit und in der Vielfalt ihrer Huptöne überbieten. Am Strassenrand werden, sowohl vor Geschäften als auch vor Wohnhäusern, grosse und kleine Altäre in Lila und Weiss aufgebaut, manchmal mit schicken modernen Blinklichtern (was der Romantik irgendwie Abbruch tut). Irgendjemand stellte eine sehr schöne Madonnenfigur auf - auf der Ladefläche seines Toyota. Fotos folgen.
Dann, plötzlich, sind alle Autos verschwunden. An ihrer Stelle erscheinen die Leute, die Zuckerwatte, kandierte Äpfel und Trauben, Kerzen, Plastikrosenkränze und kleine (lila) Heiligenbildchen verkaufen; immer mehr Leute gehen mit Kerzen in der Hand auf und ab. Durch die ebenfalls aufgebauten Lausprecher dringt quäkend viel zu lauter Gesang, soweit nicht der Strom ausgefallen ist. Eine unwirkliche, feierliche und erwartende Stimmung legt sich über die Strassen.
Dann, plötzlich, nähert sich fast lautlos die Prozession. Sie erinnert mich an die Semana Santa in Sevilla. Das gleichmässige Schlagen der Trommeln ist weit weg, aber voran gehen einige Leute, die ein Kreuz tragen, und mehrere Männer tragen das schwere Gestell mit dem Bildnis des Señor de los Milagros auf ihren Schultern. Die Strasse ist voller Menschen mit Kerzen. Vor dem Bild gehen in Weiss gekleidete Frauen und singen, a cappella, ihr Gesang hat etwas Mystisches, Fremdartiges an sich. Sie gehen rückwärts, schauen das Bild an. Man muss der Prozession folgen oder wie ein Fels in der Brandung stehen, während die Leute an einem vorbeifluten - ein langsamer, aber stetiger Strom, der die ganze Strasse füllt und von dem man später hören wird, es seien dieses Jahr sehr wenige Leute gewesen.
Dann ist die Prozession vorbei. Einfach so. Man hat sich von der Menge treiben lassen, kämpft sich nun gegen den Strom zurück nach Hause und reibt sich die Augen: auf der Strasse, eben noch voller langsam schreitender Menschen, die andächtig einem Heiligenbild folgten, tobt wieder das Leben in Form von Combis und Taxis. Die Prozession ist vor fünf Minuten vorbeigezogen, doch schon erinnert nichts mehr an sie, ausser den Altären, die teils abgebaut werden und teils nicht, weil noch Gläubige vor ihnen stehen und dem Strassenverkehr mit fast trotziger Andacht den Rücken zukehren.
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