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Es sind 2 Einträge in der 57. Woche vorhanden. 27.08.2007 - 02.09.2007

22:33:01 30.08.2007 Woche: 58

Mal was ganz anderes: ¿Perú Campeón Mundial?

Ein Taxifahrer in der Nähe von Cusco erzählte mir, dass Perú seit gut 25 Jahren bei keiner Weltmeisterschaft mehr dabei war.

Umso mehr Begeisterung und Hoffnung liegt momentan auf der U17-Weltmeisterschaft, die in Südkorea stattfindet. Die peruanische Nationalmannschaft - also die "Sub 17", von den Peruanern liebevoll "Jotitas" genannt, was der Verkleinerungsform für den Buchstaben "J" ist und wohl daher kommt, dass der Trainer Juan José Oré heisst -, die Jotitas also spielen zur Zeit alles in Grund und Boden.

Als erstes gewannen sie in der Gruppenphase gegen das Gastgeberland selbst. Von der peruanischen Presse wurde der Sieg sofort als ein Lichtstrahl gefeiert, der ein wenig Hoffnung und Freude in die vom Erdbeben verursachte Tragödie brachte. Und die Jotitas selbst widmeten ihren Sieg den "hermanos en Ica", die vielleicht gar nichts von diesem ersten Triumph mitbekommen haben.

Und danach ging es weiter. Ein torloses Unentschieden gegen Togo und ein Sieg über Costa Rica sorgten dafür, dass die Jotitas sich in der Gruppenphase sogar als Gruppenbester durchsetzten und ins Achtelfinale vorstiessen. "Die Jotitas geben Perú das Lächeln zurück", titelten die Zeitungen hier, und die Peruaner selbst scheinen es so zu empfinden. Man ist unglaublich stolz auf diese jungen, enthusiastischen Spieler.

Gestern früh um sechs kam ich in Andahuaylas an und wartete auf meinen Bus, der mich weiter nach Ayacucho bringen sollte. Das Achtelfinalspiel gegen Tadschikistan hatte gerade begonnen, und so setzte ich mich in den Warteraum und verfolgte die erste Halbzeit.

Nun passiert es sogar in Deutschland ab und an, dass man als Mädchen überraschte Blicke erntet, wenn man sich für Fussball interessiert. Die Peruaner in Andahuaylas waren zwar zu sehr mit dem Geschehen auf dem Fernsehbildschirm beschäftigt, als dass sie mir als weiblicher Gringa gross Beachtung geschenkt hätten, trotzdem hatte ich das Gefühl, eine klar männlich dominierte Sphäre zu betreten. Alle wartenden Frauen standen draussen in der Kälte (nun gut, der Warteraum war nach allen Seiten hin offen und deshalb nicht viel wärmer), vertraten sich die Füsse und plauderten, die Männer sassen ganz gemäss dem klassischen Klischee vor dem Fernseher. Erst nach einer Weile setzte sich noch eine Peruanerin mit ihren Plastiktaschen hinter mich und von da an waren wir immerhin zwei Frauen.

Perú schoss nach wenigen Minuten das 1:0 - Riesenjubel am Busbahnhof -, aber Tadschikistan glich fast unmittelbar darauf aus - 1:1, entäuscht rissen sich einige Männer ihre Wollmützen vom Knopf und zerknüllten sie demonstrativ. Den Rest der ersten Halbzeit über passierte eigentlich nichts. In der Pause war dann der Bus nach Cusco abfahrbereit, und sichtlich widerwillig erhoben sich die, die mitfahren wollten. Ich kletterte zu Beginn der zweiten Halbzeit in den Bus nach Ayacucho und dort wurde der Rest des Spiels immerhin per Radio übertragen. Es ging bis in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschiessen. In diesem Moment erstarb der Ton. Ich nehme stark an, dass der Busfahrer angesichts der kurvigen Strecke auf unbefestigter Strasse seine Ruhe haben wollte, um den Bus nicht vor Spannung den Abhang herunter zu stürzen. Vielleicht war auch einfach etwas mit dem Empfang nicht in Ordnung. Die nächste Neuigkeit war jedenfalls: Perú steht im Viertelfinale.

"Wir sind unter den acht Besten der Welt", jubelten heute die Schlagzeilen, und: "¡Qué grandes!", "Ein Triumph für dich, Perú!", "Weltklasse!", "Sie spielten wie die Löwen!"

Der nächste Gegner kommt am Samstag und heisst Ghana - deren Selektion hat Favorit Brasilien aus dem Rennen geworfen und das ist vielleicht eine kleine Genugtuung für alle, die sich an die unverdiente Niederlage von Ghanas Nationalmannschaft gegen schwache Brasilianer bei der WM 2006 erinnern.

Die "Jotitas" versetzen Perú jedenfalls momentan in Hochstimmung - soweit das angesichts der Trümmer möglich ist, die noch immer in Ica, Pisco und Chincha liegen, und angesichts der Skandale um den Missbrauch von Fonds, die für die Erdbebenopfer eingerichtet wurden, bzw. um das Zurückhalten von für die Krisengebiete bestimmten Spenden. Alles das ist noch immer sehr präsent - dennoch, heute gab es auf den Titelseiten der Zeitungen nur ein Thema. Es wäre schön zu wissen, inwieweit der Erfolg der Jotitas dem ein oder anderen in Ica wirklich etwas Hoffnung und Stärke geben kann. Ob es schon wieder Orte in der Region gibt, an denen die Menschen die Spiele verfolgen, vor dem Fernseher oder dem Radio? Hoffentlich. Ich muss an die WM-Euphorie letztes Jahr in Deutschland denken. Man muss sich vorstellen, dass ein Erfolg im Fussball in einem Land wie Perú ohnehin schon viel mehr bedeutet als in Europa, vor allem, wenn die internationale Erfolgsgeschichte so mager aussieht wie die Perús.

Es geht also ins Viertelfinale gegen Ghana, bestimmt keine leichte Aufgabe. Wenn Perú das Wunder Halbfinale gelingen würde, würden die "Jotitas" auf Frankreich oder Spanien treffen. Als Finalgegner kommen Argentinien, Nigeria, England oder Deutschland in Frage. Perú - Deutschland - Endspiel? Wär doch witzig ...

Aber jetzt heisst es erst mal Daumen drücken gegen Ghana!

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02:42:59 28.08.2007 Woche: 58

Das Heilige Tal - Tourismus, Moderne, Tradition

Jetzt bin ich mittlerweile drei Tage im Heiligen Tal der Inka, das von diesen angeblich wegen seines guten Klimas zu ihrem landwirtschaftlichen Zentrum gemacht wurde. Vieles, auch hier in Pisac, ist sehr touristisch, anderes wiederum überhaupt nicht.

Überall gibt es Märkte und Läden, wo man "artesanía", also Kunsthandwerk, typische Perú-Souvenirs, kaufen kann. Bunte Decken, Ponchos, Taschen aller Art. Das ist natürlich in erster Linie für die Touris, andererseits sieht man durchaus auch Einheimische, die Alpaka-Strickjacken und bunte Ponchos tragen.

Viele Lokale bezeichnen sich selbst als typisch - oder schreiben gleich "restaurante turístico" an die Tür. Vor allem in Ollantaytambo sieht man mehr englische als spanische Speisekarten, was nicht verwundert, denn nach Ollantaytambo kommen wegen der Ruinen und der Eisenbahn nach Machu Picchu die meisten Touristen.

Es gibt das Boleto Turístico für Cusco und Umgebung, ein Ticket, mit dem man z.B. die Ruinen von Pisac und Ollantaytambo besuchen kann, und tatsächlich ist das Geschäft rund um diese Orte relativ gut organisiert. Entweder es gibt schon Souvenirläden oder zumindest einige in traditionelle Kleidung gehüllte Frauen mit ihren Röcken, ihren langen Zöpfen (die auch gerne durch künstliches Haar und schwarze Wolle ergänzt werden) und ihren Hüten, die auf dem Boden sitzen und Souvenirs verkaufen (und Wasser und Saft). Und wenn es das alles nicht gibt, warten zumindest ein paar Taxifahrer, um einen zu den jeweiligen Ruinen zu bringen.

Alles das ist also sehr gut organisiert, aber oft habe ich hier das Gefühl, dass sich der Tourismu auf einige Punkte im Tal konzentriert und an anderen einfach vorbeifliesst. Noch hat man hier nicht die grosse Abzocke beim Transport entdeckt, sodass man sich hier auch als Gringo mühelos für ein paar Soles durchs ganze Tal bewegen kann, und ich liebe mittlerweile diese kleinen Busse mit den lädierten Sitzen und den kaputten Fenstern, die immer bis auf den letzten Platz besetzt über die Strasse holpern, klimpernd-schmachtende Andenmusik auf voller Lautstärke und immer dann halten, wenn irgendwo eine einsame Gestalt auf der Strasse steht und winkt - oder wenn jemand aus der Menge im Bus ruft "an der Ecke, an der Tankstelle, an der Brücke steig ich aus, ¡bajo!". Mit diesen Gefährten durch das Tal zu brettern oder aber Richtung Cusco aus dem Tal hinaus, in höhere Lagen, gibt ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Und das Wissen, wirklich in Perú zu sein.

In diesen Bussen habe ich jetzt schon sehr oft Quechua-sprechende Frauen gehört - mit der grössten Selbstverständlichkeit plaudern sie in der alten Inkasprache. Viel verstehe ich nicht - ausser vielleicht einem nachfragenden "arí?", also "ja?" -, aber es ist angenehm, sie zu hören.
Mit den Bussen fahre ich auch deshalb so gerne, weil ich oft die einzige Gringa bin und mich trotzdem niemand doof anguckt.

Noch mal zum Quechua. Perú ist ja sehr katholisch und das merkt man vor allem hier auf dem Land teilweise sehr stark. Viele ältere Leute beten pausenlos, während sie im Bus unterwegs sind. Am 15. August (dem Tag des Erdbebens) war ja Mariä Himmelfahrt, was hier María Asunción heisst und mit grossen Feiern in den kleinen Dörfern begangen wird. Und María ist hier nicht die "Virgen", sondern einfach die Mama, und zwar nicht die Mamita, wie die spanische Verkleinerungsform wäre, sondern die Mamacha; überall erinnern hier noch Plakate an die Feierlichkeiten für die "Mamacha Asunta". "cha" ist dabei der Quechua-Diminutiv.

Und diese Plakate bekommen dann einen komischen Beigeschmack, wenn kein Bild der Mamacha drauf ist, sondern das Logo einer peruanischen Telefongesellschaft, die das ganze sponsort. Hier vermischt sich wieder alles.

Mir sind heute noch einige andere Sachen durch den Kopf gegangen, die mir aber gerade nicht mehr einfallen. Ich fühle mich im Valle Sagrado jedenfalls wohl und bin gerade traurig, dass ich morgen eigentlich schon weiter will.

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