00:44:58 29.08.2006 Woche: 5
Ein Wochenende im Colca-Tal
Der Cañón de Colca wird von den Einheimischen gerne als tiefste Schlucht der Welt verkauft, allerdings stimmt das nur, wenn man vom Gipfel des höchsten Berges bis zu seinem Grund misst.
Seit ich hier angekommen bin, empfehlen mir die Leute einen Wochenendtrip ins Colca-Tal, und letztes Wochenende war es endlich soweit. Die Entscheidung war eher spontan. Am Freitag kümmerte sich Sofi um die Tickets und am Samstagmorgen ging es los. Der erste Service des Reiseveranstalters bestand darin, dass wir von zuhause abgeholt wurden! Leider verhält es sich mit der Strasse, in der ich hier wohne, etwa so wie mit der, in der ich in Berlin lebe - sie ist klein und kein Schwein kennt sie!
So kam der Kleinbus mit unserer guía (Führerin) Cecilia und dem Rest der Gruppe mit einer guten halben Stunde Verspätung. Aber dann ging es endlich wirklich los.
Wir fuhren aus Arequipa heraus und erreichten nach einer ganzen Weile ein Nationalreservat, in dem Vikuñas leben. Ein Vikuña-Foto habe ich ja schon herumgeschickt ... Jetzt habe ich noch viel mehr, weil diese unglaublich schönen Tiere relativ nahe am Strassenrand herumspazierten.
Ausserdem gab es auch eine Menge Lamas und Alpakas. Der Unterschied zwischen den Tieren ist, dass Vikuñas die feinste Wolle überhaupt haben, gefolgt von den Alpakas und den Lamas (und danach kommt angeblich Schafswolle). Ausserdem sind Vikuñas zierlicher als die anderen beiden Arten und leben wild. Lamas und Alpakas sind domestiziert, Lamas sind grösser als Alpakas und Alpakas sind, so kommt es mir jedenfalls vor, wolliger als Lamas.
Wir kamen dann auch an einer Stelle vorbei, wo die Leute ihre gesamten Lama- und Alpakabestände zusammengetrieben hatten und - kein Witz - dabei waren, ein Lama zu opfern. August ist der Monat der Pachamama, der Mutter Erde, und dementsprechend finden in diesem Monat Zeremonien wie diese statt. Es war sehr komisch, sich das anzusehen, irgendwie unwirklich. Mehrere Frauen hielten das Lama auf dem Boden fest. Ein Mann schnitt ihm den Bauch auf, wühlte eine ganze Weile mit dem Arm im Inneren des Tieres herum und zog den Arm dann mit dem noch pulsierenden Herzen wieder heraus. Das Herz wurde dann sofort auf den Grill gelegt. Das Lama zitterte noch. Wie gesagt, es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, das alles zu sehen. Und ein bisschen schwach fühlte man sich hinterher schon. Nebenan standen ein paar Musiker und spielten "El Cóndor Pasa" - ich werde dieses Lied jetzt immer mit dieser Szene in Verbindung bringen, glaube ich ...
Zurück im Bus war man eine Weile etwas nachdenklich und still, aber nach einigen Kurven legte sich das ehrlich gesagt. Wir kamen an diesem Morgen bis auf eine Höhe von 4.900 Metern (Arequipa liegt auf 2.300 m) und machten uns dann an den "Abstieg" auf 3.600 m in das Dorf Chivay, wo sich unser Hotel befand. Auf Anraten meiner Familie hatte ich meine Flasche mit mate de coca gefüllt und irgendwann liess Cecilia auch eine Tüte mit Coca-Blättern durchgehen - zum Probieren. Wirklich gut schmeckt das Zeug nicht, aber offenbar hilft's.
Chivay ist ein kleiner Ort, der vor allem von den Colca-Touristen lebt. Was das Hotel betrifft, hatten Sofi und ich das Schlimmste befürchtet (die Tour kostete 25 Dollar pro Person, beinhaltete den Transport, la guía, Hotel und ein Frühstück). Letztlich hatten wir aber ein eigenes Bad mit angeblich warmen Wasser und ein sehr sauberes schönes Zimmer!
Am Nachmittag ging es dann auf nach Calera. Oder irgendwie so ähnlich. Dabei handelt es sich um Thermalquellen. Man konnte mit dem Bus fahren, ich warf mich natürlich zwischen die Mutigen, die laufen wollten - nach einem reichhaltigen Mittagsbuffet schien das die einzig sinnvolle Idee und war dann auch sehr angenehm.
Und so kamen wir noch vor dem Bus (hehe) bei den Thermalquellen an und ich konnte mich noch vor Sofi in die Fluten werfen. Ein bisschen bezweifelte ich ja, ob das mit meiner halben Erkältung eine gute Idee sein würde (wir sind nämlich in das Aussenbecken gegangen, weil das überdachte viel zu voll und klein war) ... Aber es war genial! Ich hätte ewig da drin bleiben können. Beim Rauskommen war es natürlich sch...iemlich kalt. Aber das war es wert und am nächsten Tag hatte ich nur noch eine Viertelerkältung! Ha!
Abends sind wir dann in eine peña gegangen. Das ist ein Restaurant, das Folkloreshows während des Essens anbietet. Dort bekamen wir also typische Tänze aus der Region serviert, was sehr schön und auch lustig war. Da gab es einen Tanz (chukchu, glaub ich), bei dem einmal der Mann und dann die Frau eine verdorbene Orange essen und sich dann einen Anfall simulierend auf den Boden wirft. Der jeweils andere versucht mit allerlei Mitteln, inklusive einer Art Peitsche, das arme Opfer wiederzubeleben. Der Witz an der Sache bestand darin, dass das Tanzpaar anschliessend die Touristen zum Mitmachen aufforderte und ich an einem denkbar ungünstigen Platz sehr nah an der Tanzfläche sass ...
Äh, ja, es gibt Fotos von mir auf dem Boden der Peña, zeig ich euch, wenn ich wieder zuhause bin ...
Der Abend musste dann relativ früh enden, weil wir am nächsten Tag um fünf Uhr früh aufstehen mussten. Der Grund dafür war sehr einfach: Die Kondore warten nicht.
Um Viertel nach sechs verliessen wir Chivay und fuhren durch das Colca-Tal in Richtung Cañón. 14 kleine Dörfer liegen in diesem Tal und jedes davon hat eine Besonderheit. In Yanque wurde eine der ersten kolonialen Kirchen errichtet. In Achoma gibt es die beste Milch und den besten Käse. Madrigal ist das einzige Dorf im Tal, dessen Name sich nicht aus einer indigenen Sprache herleitet. Chivay kommt übrigens auch aus dem Quechua und soll soviel bedeuten wie "der Ort, an dem zwei Menschen zusammenkommen". Maca hat eine sehr schöne Kirche, die leider 1991 von einem Erdbeben zerstört wurde - Gott sei Dank hat man sie wieder aufgebaut!
Direkt neben der Kirche trafen wir zu unserer grossen Überraschung auf Lady Di und Bob Marley (letzterer weisshaarig). Natürlich machten Sofi und ich sofort ein Foto von uns mit den beiden (bzw. überliessen wir das Cecilia). Leider wird Lady Di niemals Kinder haben können, da sie eine Kreuzung aus Alpaka und Lama ist. Das fünf Monate alte Alpaka-Baby Bob hat dagegen gute Aussichten, mal Vater zu werden ...
Schliesslich kamen wir am Cruz del Cóndor (Kreuz des Kondors) an, wo wir über eine Stunde Zeit zum Vogelgucken bekamen.
Der Andenkondor kann angeblich bis zu dreissig Jahren alt werden und legt nur alle zwei Jahre ein Ei, das dann auch ein paar Monate zum Ausbrüten braucht. Bis zum Alter von acht Jahren gilt er als "junger Kondor" und ist braun, erst danach bekommt er die typische schwarze Färbung mit dem weissen Kragen.
Gleich zu Beginn sahen wir einen jungen Kondor durch die Schlucht segeln! An dieser Stelle gibt es nämlich warme Luftströme, die die Kondore zum Aufsteigen nutzen. Inmitten einer Unmenge von anderen Touristen ("Schiehste sie grade?") und Souvenirverkäuferinnen ging ich dann mit der Kamera auf Kondorjagd, aber wenn so ein Riesenvieh knapp über deinen Kopf hinwegfliegt und du jede einzelne Feder sehen kannst (guter Zoom)... wow, dann vergisst man schon mal, auf den Auslöser zu drücken ...
Auf jeden Fall war das ein sehr schönes und beeindruckendes Erlebnis und zu endlos vielen Fotos von Vikuñas und Alpakas gesellten sich noch einmal endlos viele Fotos von Kondoren vor dem Hintergrund des Cañón de Colca bzw. des strahlend blauen Himmels.
Kurz vor zehn war es dann Zeit für die Rückfahrt. Auch hier gab es einige Halte, zum Beispiel gegenüber einiger als mysteriös bezeichneten Seen (sie haben aufgrund verschiedener Mineralien verschiedene Farben und das kommt den Einheimischen komisch vor).
Pünktlich zum Mittagessen waren wir zurück in Chivay, schlugen uns an einem anderen Buffet den Bauch voll und fuhren dann todmüde zurück nach Arequipa.
Und da dieser Eintrag schon wieder elend lang geworden ist, verzichte ich auf einen poetischen Ausklang und beende ihn hiermit genau HIER - einfach so!
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