ArchivEs sind 3 Einträge in der 150. Woche vorhanden. 08.06.2009 - 14.06.2009
12:16:36 13.06.2009 Woche: 151
¡La selva no se vende!
"Der Regenwald ist nicht zu verkaufen!"
Noch immer entspannt sich die Lage in Perú nicht.
Momentan hat die Regierung einige der umstrittenen Dekrete ausgesetzt - jedoch nur auf Zeit.
In ganz Perú demonstrieren mittlerweile Menschen, die sich mit den Amazonas-Bewohnener solidarisieren. Die Polizei geht mit Tränengas gegen sie vor. In Arequipa sollen Bilder von Alan García verbrannt worden sein - das feurige Temperament jener, die zu Füßen eines Vulkans geboren sind.
Hier gibt es eine Fotostrecke zu den Demonstrationen. Auch wird dort eine treffende Metapher des Direktors der Zeitung "El Comercio" zitiert: "Stellen Sie sich vor, ein Bulldozer würde durch eine Wand Ihres Hauses brechen und Arbeiter mit Bohrern, Lampen und Spitzhacken in Ihrem Garten graben, weil ein Unternehmer meint, dort sei Erdöl. Ihr Einverständnis braucht er gar nicht, denn er hat ja eine Genehmigung des Bürgermeisteramtes."
Einen guten Überblick gibt dieser Artikel der Deutschen Welle:
Demonstrationen in Peru eskalieren
Die Lage in Peru ist weiter angespannt: Mehrere Zehntausend Menschen haben gegen die Abholzung des Regenwalds demonstriert. Die Polizei setzte Tränengas ein. Die Indios wehren sich gegen die Ausbeutung ihrer Heimat.
"Der Urwald wird nicht verkauft" riefen die Menschen und zogen an vielen Orten Perus mit Plakaten durch die Straßen. Gewerkschaften und Studentenorganisationen hatten zu den Protestmärschen aufgerufen, um ihre Solidarität mit den Ureinwohnern zu signalisieren. In der Hauptstadt Lima kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Protestteilnehmer hatten versucht, zum Regierungspalast vorzudringen und warfen Steine und Molotow-Cocktails. Die Polizei antwortete mit Tränengas.
Dies ist bereits die zweite Eskalation in einer Woche. Vergangenen Freitag war es zu einer brutalen Auseinandersetzung zwischen den staatlichen Sicherheitskräften und indigenen Gemeinden der peruanischen Provinz Bagua gekommen. Sie löste die bisher größte Krise aus, der sich Präsident Alan García im Laufe seiner zweiten Amtszeit zu stellen hat.
Tödliche Falle
In Bagua hatten die Polizeikräfte den Befehl erhalten, die Demonstration aufzulösen, die von Mitgliedern verschiedener Volksgruppen im Amazonasgebiet organisiert worden war. Als sie versuchten, eine Straßenblockade zu durchbrechen, kam es zu einem Schusswechsel, bei dem nach offiziellen Angaben rund 40 Zivilisten und Angehörige der lokalen Polizei ums Leben kamen. Die Indios sprechen von weit mehr Toten.
Während beide Seiten für sich die jeweils größere Zahl an Todesopfern beanspruchen und behaupten, ihre jeweilige Version des Vorfalls entspräche der Wahrheit, werfen die Geschehnisse in Bagua viele Fragen auf. Bisher gibt es noch keine zuverlässigen Berichte über das, was tatsächlich passiert ist. Die lokalen Medien beschränken sich auf die Gegenüberstellung der Haupt-Kontrahenten in diesem Konflikt: Präsident Alan García und der Anführer der indigenen Proteste, Alberto Pizango.
Präsident gegen Indios
Für Präsident Alan García, Mitglied der Mitte-Links-Partei APRA (Revolutionäre Amerikanische Volksallianz) und - zumindest offiziell - Anhänger sozialdemokratischer Werte, ist es wichtig, zu demonstrieren, dass er Herr der Lage ist. Natürlich ohne dass dabei der Eindruck aufkommt, er verletze die Menschenrechte der Demonstranten.
Alberto Pizango gilt dagegen als Anstifter der jüngsten Unruhen in Bagua und war zunächst kurz untergetaucht. Dann suchte er in der Botschaft von Nicaragua Zuflucht und erhielt politisches Asyl. Pizango gehört der ethnischen Gruppe der Shawi an und arbeitete viele Jahre lang als zweisprachiger Lehrer in diversen Indigenen-Gemeinden. Er ist Präsident der Indigenen- Vereinigung AIDESEP, die seinen Angaben nach 1350 Gemeinden an der Küste, im Hochland und im Regenwald Perus vertritt. Insgesamt sind in ihr 350.000 Urbewohner aus 26 Sprachfamilien zusammen geschlossen.
Einer statistischen Erhebung aus dem Jahre 2007 nach hat Peru gut 28 Millionen Einwohner, von denen die indianischen Ureinwohner (hauptsächlich Quechua und Aymara) rund 45% der peruanischen Bevölkerung ausmachen. Von daher kommt AIDESEP eine große Bedeutung zu, denn sie repräsentiert die Interessen einer großen Bevölkerungsgruppe, die jedoch zersplittert ist und kaum die Möglichkeit hat, ihre Stimme zu erheben, außer bei Gelegenheiten wie den jüngsten Protesten.
Ausbeutung der Bodenschätze
Die Ausschreitungen in Peru haben ihre tiefere Ursache in einigen Gesetzesänderungen der Regierung García. Die weiträumige Abholzung des Regenwaldes soll damit erlaubt werden, um an die zahlreichen Bodenschätze der Region zu kommen.
"Was zu der aktuellen Auseinandersetzung führte, waren Probebohrungen, um im Amazonasgebiet neue Öl- und Erdgasfelder zu finden und zu erschließen. Die dort ansässige Bevölkerung fürchtet, dass wenn dort neue Erdölquellen entdeckt werden, ihr Kulturerbe und Lebensraum zerstört wird", so Jürgen Golte, Professor für Ethnologie an der Freien Universität Berlin und Spezialist für präkolumbianische Kulturen der Andenländer.
Die neuen Gesetze stehen im Widerspruch zu Vereinbarungen, die der peruanische Staat kürzlich mit den indigenen Gemeinden geschlossen hatte. Der peruanische Staat hatte den Indigenen ursprünglich versichert, sich jedes Mal mit ihren Vertretern in Verbindung zu setzen, sollten Entscheidungen getroffen werden, "die beidseitige Interessen berühren", erläutert Golte.
Die von den Indigenen- Gemeinden kritisierten Gesetzesinitiativen sind unter anderem ein neues Flächen-Nutzungsgesetz, das auch die Rodung geschützter Waldflächen erlaubt, wenn es um Projekte von nationaler Bedeutung geht. Außerdem wird in einem zweiten Gesetz der Weg für eine Privatisierung der Wasserwirtschaft geebnet.
Kampf gegen zwei Krisen
Weit besorgniserregender für die indigene Bevölkerung ist allerdings ein Gesetz, nach der sich die jeweiligen Unternehmen bei der Erschließung und Förderung von Bodenschätzen nicht mehr mit der ansässigen Landbevölkerung in Verbindung setzen müssen.
Auch wenn es schwer ist, die Auswirkungen dieser Krise vorauszusagen: Golte schließt nicht aus, dass der internationale Druck die peruanische Regierung zwingen könnte, mit den indigenen Organisationen auf Augenhöhe zu verhandeln. Am Donnerstag (11.06.2009) hatte der peruanische Kongress das Gesetz vorerst gestoppt und verhandelt jetzt neu.
Peru kämpft bereits gegen die Wirtschaftskrise. Was das Land am wenigsten gebrauchen kann, sind interne soziale Unruhen: Ausländische Investoren beginnen bereits, Peru als politisch und sozial unstabil wahrzunehmen - und neue Investitionen zu scheuen.
Und wer immer noch weiterlesen will, findet hier eine weitere gute Zusammenfassung der Lage.
Letztes Mal editiert: Um 12:17:22 am 13.06.2009 permaneter Link zu diesem Eintrag
23:11:49 09.06.2009 Woche: 151
Und ja, es gibt schon wieder Neues
Das hier ist ein Spot, den gerade die peruanische Regierung verbreitet.
"So agiert der Extremismus gegen Perú", beginnt er und blendet Pizango ein, den Anführer der Aufständischen, der mittlerweile in der Botschaft von Nicaragua Schutz gesucht hat und in diesem Videoausschnitt gerade zum Aufstand aufruft.
"Zweiundzwanzig bescheidene Polizisten", fährt die Sprecherstimme fort, so neutral-verheißungsvoll, als werbe sie für ein neues Achselhaarshampoo, "auf wilde, brutale Art ermordet."
Dabei gleitet die Kamera über die blutigen Körper der Toten.
"Es gab keine Zusammenstoß", sagt der Sprecher, als die indigenen Aufständischen durchs Bild stürmen. "Es gab nur Mord. Sie wurden feige abgestochen, als sie unbewaffnet und wehrlos waren."
Damit meint er die getöteten Polizisten. Das Video zeigt weinende Angehörige und Särge unter der peruanischen Flagge: "Das nennt der Extremismus Dialog."
Der Regenwald erscheint, und fast zynisch der Titel: "Zwölf Millionen Hektar für 400.000 Eingeborene", die seien, so der Sprecher, gesetzlich garantiert; darüber hinaus 15 Millionen Hektar für Naturschutzgebiete.
"Aber die Extremisten, auf internationale Losung hin, wollen Perú aufhalten. Sie wollen verhindern, dass die Peruaner das Gas und Öl ihres eigenen Bodens nutzen. Vereinigen wir uns gegen das Verbrechen", hier gleitet die Kamera über grimmig dreinblickende Soldaten. "Möge das Vaterland nicht das bereits Erlangte verlieren!"
Da rollen sich einem die Zehennägel auf.
Sicher, und das will ich hier einmal deutlichst klarstellen: Es ist keineswegs richtig oder irgendwie zu entschuldigen, dass die Indigenen Polizisten getötet haben. Deren Angehörigen gilt mein Mitgefühl - aber eben auch denen der getöteten Indigenen. Und das sind mindestens noch einmal genauso viele. Und sie waren mindestens genauso unbewaffnet wie die Polizisten - traditionelle Kampfspeere gegen Schusswaffen; wie fair ist das?
Geschmacklos ist der Spot in jedem Fall.
Was ist das für eine Schwarz-Weiß-Malerei?
Was ist das für eine Geschmacklosigkeit, mit den Bildern von Opfern und Angehörigen derart zu werben, auf die Tränendrüse zu drücken und rassistischen Hass zu schüren, der ohnehin schon am Flackern ist?
Oh ja, die Regierung ist sehr großzügig, sie gibt den paar Amazonas-Indígenas ja so viele Millionen Hektar Regenwald. Andererseits garantiert das Gesetz nebenbei auch viele andere Dinge, und das ist keine Sicherheit dafür, dass sie auch umgesetzt werden. Also bitte kein Wort von Gesetzestexten, Herr García. Das ist albern.
Und so sehr einerseits Perús Wirtschaft von Öl und Gas abhängen mag, aber auch hier gibt es bitte schön Alternativen und wird wieder einmal zu kurz gedacht. Das Ökosystem Regenwald ist mehr als ein paar Prestige-Hektar, die man gesetzlich festschreiben kann, um irgendwelchen internationalen Richtlinien zu entsprechen oder zu gefallen. Es ist weitaus komplexer und wer kann den Schaden ermessen, den die Bohrungen auf lange Sicht anrichten können?
Und was soll das wieder, den Fortschritt Perús nur an wirtschaftliche Profite zu kuppeln? Fortschritt wird das Land in dem Moment erreicht haben, in dem seine Bewohner real gleichberechtigt sind. Egal, ob sie ein Küstenbewohner mit spanischem Adelsnamen, ein Hochlandbauer mit Quechuanamen oder ein Indígena aus dem Amazonasgebiet sind. Egal, welche Farbe ihre Haut hat. Von diesem Punkt ist Perú noch weit entfernt - so sehr ich dieses Land liebe, aber es wäre Lüge, das nicht einzugestehen. Das ist der Fortschritt, um den es gehen muss.
Nachhaltigkeit, sozial, ökologisch und wirtschaftlich.
Die peruanische Frauenministerin Vildoso ist jetzt übrigens zurückgetreten - sie sei nicht einverstanden mit dem Spot der Regierung und überhaupt auch nicht mit deren Krisenmanagement.
Wenigstens etwas.
[edit] Ich könnte wahrscheinlich die ganze Nacht hier sitzen und Neues einstellen, was ich finde. Última noticia: Alan García hat, und das ist kein Scherz, die indigene Bevölkerung als Bürger zweiter Klasse bezeichnet.
Kann man von so einem Präsidenten überhaupt irgendwas erwarten?
Letztes Mal editiert: Um 23:44:07 am 09.06.2009 permaneter Link zu diesem Eintrag
18:10:42 09.06.2009 Woche: 151
Neues aus der Amazonasregion
Die Zahl der Toten wird mittlerweile in vielen Nachrichten mit 50 angegeben - laut der Indigenen könnte sie aber noch höher liegen.
Konkret richten sich die Proteste gegen die Dekrete, die im Zuge des berüchtigten TLC zwischen Perú und den USA verabschiedet wurden. Der TLC (Tratado de libre comercio, also der Freihandelsvertrag) wurde in Perú zwar überwiegend als positiv beworben, ist aber nicht unumstritten. Unter anderem geht es jetzt darum, ob in der Amazonas-Region nach Öl und Gas gebohrt werden darf. Dagegen protestieren die Indigenen.
Das tun sie nun schon seit zwei Monaten, aber einen vorläufigen blutigen Höhepunkt haben die Bewegungen nun am vergangenen Freitag in Bagua erreicht. Neben Toten auf beiden Seiten gibt es auch viele Flüchtige, die erst jetzt nach dem Wochenende aus ihren Verstecken nach Bagua zurückkehren.
Zwischen 400 und 800 Indigenen warteten überdies darauf, in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu können. Viele von ihnen haben mehrere Tagesreisen auf sich genommen, um an den Protesten teilnehmen zu können.
Pikant ist, dass Präsident Alan García laut darüber nachdenkt, ob nicht ausländische Streitkräfte den Aufstand geschürt haben könnten. Dass er dabei an Venezuela und auch Bolivien denkt, ist klar. Mit Bolivien gab es in den vergangenen Wochen ohnehin auch diplomatische Spannungen.
Ich persönlich glaube allerdings, dass die Bewohner des Amazonas-Gebiets keine Anweisung von außen brauchen, um sich gegen ihnen ungerecht scheinende Gesetze zu wehren.
Auch dem Premier Yehude Simón wird vorgeworfen, er habe nicht mit den Indigenen kommuniziert. Dabei gab sich Simón, als er noch Präsident der Region Lambayeque war, immer als volksnah und herzlich - allerdings war das auch in einer eher wohlhabenden Küstenregion, nicht im abgelegenen Amazonas-Gebiet.
Einer der Rebellionsführer, Alberto Pizango, soll sich nun in der Botschaft von Nicaragua verschanzt haben, die sein Asylgesuch zunächst annahm. Pizango fürchte um sein Leben, hieß es von der Organisation Aisedep (Asociación Interétnica de Desarrollo de la Amazonía).
Gerüchte über ein Massengrab in der Umgebung wurden mittlerweile dementiert.
Nähere Infos gibt es in den nächsten Tagen - das Thema ist komplex und es wird sicher noch weiter Neues geben.
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