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Der Eintrag mit der ID 103 wurde in der 150. Woche eingetragen. 08.06.2009 - 14.06.2009

19:51:57 01.06.2009 Woche: 150

Karneval der Kulturen 2009

»Hermannplatz!«
Sogar die Lautsprecherstimme aus der U-Bahn klingt gutgelaunt – oder ist das nur Einbildung? Oben am Hermannplatz jedenfalls schwirrt die Luft bereits von den ersten Trommelschlägen. Bis eben war ich noch etwas enttäuscht, denn wegen des düsteren Wetterberichts habe ich von meinem luftig-sommerlichen Wunschrock als Garderobe Abstand genommen. Doch kaum biege ich in die Urbanstraße ein, verfliegt das alles. An der Ecke zum Hermannplatz beginnen Afoxé Loni mit ihrer alljährlichen Karnevalszeremonie, um die Strecke für alle Teilnehmer zu segnen, und überhaupt ist hier schon eine ganz andere Welt. Hintereinander aufgereiht stehen die Wagen, die in wenigen Minuten losziehen werden zu einem der größten multikulturellen Events der Welt. Der Puls rast im Takt mit den Trommelschlägen, die Füße gehen wie von selbst in rhythmisches Hüpfen über, und ein tiefes Glücksgefühl breitet sich aus.

An Wagen 47 wird fleißig vorbereitet. Mit dieser Nummer wird radio multicult 2.0 an den Start gehen. Unser Trupp steht ganz im Zeichen eines multikulturellen Radios: In Schwarz und Orange gekleidet proben die Flamenco-Tänzerinnen ihren Auftritt, während die ukrainische Tanzgruppe in ihren traditionellen bestickten Blusen gelassen mit dem Tanzduo aus Bangladesch plaudern. Und unser prächtiger Phönix spreizt seine gold-orange-roten Flügel und pfeift sich eins.

Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Die Helfer greifen unser – natürlich orangefarbenes – Seil, das den Wagen von den Schaulustigen trennen wird, und plötzlich sind wir in Bewegung! Vor uns laufen die Spandauer Schlümpfe, hinter uns feiert Grupo Perú das Sonnenwendfest, und radio multicult lässt es krachen. Flamenco, ukranische Folklore und Tanz aus Bangladesch wechseln einander ab, und wir »Culties« tanzen mit und schwenken fröhlich die »Sprachohren« - die hat unser Multitalent Ingelin gebastelt und orange bemalt und beklebt. Ebenso wie übrigens das atemberaubend schöne Phönixkostüm.

Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel, wir sind erleichtert, als es erste Wolken gibt. Leute zeigen auf uns, fotografieren, klatschen im Takt und wippen auf den Zehenspitzen. Ja, unser Wagen bringt wirklich verdammt gute Laune!
Wo sonst gibt es auch Flamenco-Tänzerinnen, die sich zu osteuropäischen Klängen wiegen, Ukrainer, die Bangladeschis anfeuern, und schließlich Bangladeschis, die im Flamenco-Rhythmus mitklatschen?
Dafür gibt’s ja wohl nur eine Erklärung: multicult!

Bei den DJs trägt vor allem Don Rispetto seinen Teil dazu bei, auch wenn er sich regelmäßig verhaspelt. »Multikulti 2.0!«, ruft er stolz – was soll’s, orange bleibt doch orange. Und dann setzt er noch einen drauf, wahrscheinlich hat er unsere »Culties«-T-Shirts nicht gesehen – denn mit Triumph in der Stimme brüllt er: »Wir sind die Multis!«

Cultiple Persönlichkeiten sozusagen.

Schnell verlieren wir jedes Zeitgefühl und vergessen, dass die Sprachohr nicht direkt zu unserem Körper gehören. Plötzlich nähern wir uns bereits dem entscheidenden Punkt: der Jury-Tribüne.

Nun muss alles schnell und perfekt gehen. Ein graublaues Tuch bedeckt einen Teil unserer Tänzer – das ist die Asche, zu der radiomultikulti (diesmal wirklich gemeint) verbrannt ist. Doch das Tuch wird weggezogen und das Trillern des Phönix, der darunter zum Vorschein kommt, leitet Musik ein. Fröhlich springen unsere Ukrainer zu ihren Folkloreweisen, machen dann den Flamenco-Tänzern Platz, hinter denen wiederum das Duo aus Bangladesch hervor springt. Am Ende versammeln sich alle zum großen Familienfoto – unter den schützenden Schwingen des multicult-Phönix’.

Nicht nur wir von der Gruppe sind begeistert, auch das Publikum jubelt – und selbst die Jury geht bei der Performance ordentlich mit ab.

Als wir dann an der Tribüne vorbei sind, ist plötzlich alles noch mal anders. Gut war die Stimmung bis jetzt auch schon, Anspannung haben wir keine gespürt – merken jetzt aber, dass sie weg ist und wir noch unbeschwerter tanzen und feiern. Wir sind die Multis! Culties! Was auch immer! Immer mehr Menschen aus dem Publikum stoßen zu uns und machen mit – als der Wagen schließlich »über die Ziellinie« rollt, ist es ein großer fröhlicher Trupp feiernder Menschen. Und genau so war’s gedacht.

Für einen Preis reicht es am Ende nicht, obwohl wir am nächsten Tag bei der Preisverleihung erwartungsvoll an der Eurasia-Bühne beim Straßenfest stehen. Doch mit 98 Punkten belegen wir einen eindrucksvollen siebten Platz von 62 Teilnehmern – nicht übel für unser »erstes Mal« und schon gar nicht, wenn man die Umstände bedenkt, unter denen unser Auftritt zustande kam.

Den zweiten Platz belegt übrigens Wagen 48 – Grupo Perú. Und damit bin ich sowieso schon wieder zusätzlich entschädigt.

Fazit: mal wieder ein farbenfroher, fröhlicher und absolut gelungener Karneval der Kulturen, über den ich noch seitenweise schreiben könnte. Mache ich aber nicht und verspreche Euch stattdessen in den nächsten Tagen noch ein paar Fotos!

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