02:30:36 09.03.2010 Woche: 189
Von goldenen Statuen und blauen Menschen
Gestern habe ich (natürlich) die Oscarverleihung angeschaut und »La Teta Asustada« die Daumen gedrückt. Nun, schade, dass der Oscar letztendlich nach Argentinien und nicht nach Perú ging – aber die Argentinier machen auch gute Filme und allein die Nominierung ist ein Riesenerfolg für Claudia Llosa und Magaly Solier .
Mit einer gewissen Genugtuung hat es mich erfüllt, dass der als Favorit gehandelte »Avatar« nur drei Oscars bekommen hat. Ich habe den Film nicht gesehen, aber der Publicity-Wirbel um ihn hat ihn mir unsympathisch gemacht.
Trotzdem werde ich ihn mir wahrscheinlich doch noch irgendwann ansehen und das hat interessante anthropologische Gründe.
Als ich das erste Mal von dem Film hörte, war das in Deutschland und die Einschätzung kam von einer Deutschen: »Ja, der neue Film von James Cameron, supertolle Spezialeffekte, aber eine laue Story, die man schon hundertmal gesehen hat.«
So nahm ich den Film selbst auch wahr – ohne ihn gesehen zu haben.
Dann habe ich mich hier mit Paola über »Avatar« unterhalten. Sie hatte ihn gesehen und war begeistert – von der »lauen Story«.
»Das ist unsere Geschichte, es ist genau das, was in Perú passiert«, lautete ihre Einschätzung. »Die Leute in der Selva, die um ihr Land und ihre Selbstbestimmung kämpfen ... Das ist genau das, was auch der Film erzählt.«
Und lustigerweise bekam ich kurz nach diesem Gespräch eine E-Mail aus Deutschland mit einem Artikel über die Minengesellschaften in Cajamarca (Nordperú). Die Autorin des Artikels, eine Deutsche, hatte auch »Avatar« gesehen und zog die gleiche Parallele.
Am Samstag schließlich unterhielt ich mich mit einem weiteren Peruaner, der von »Avatar« nur so schwärmte.
Geschichten haben nicht überall auf der Welt die gleiche Bedeutung – oder werden gleich verstanden. Mich erinnnert das an die Anekdote eines Ethnologen, der im afrikanischen Busch die Geschichte von Hamlet erzählt, aber nicht weit kommt, weil alle entscheidenden Elemente – der Geist von Hamlets Vater, die Tatsache, dass Hamlets verwitwete Mutter den Bruder geheiratet hat, etc. – in der betreffenden afrikanischen Gesellschaft eine ganz andere Bedeutung haben, teilweise keineswegs skandalös sind und die Handlung plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet wird.
Ähnlich ist es mit »Avatar«. In Europa und vermutlich auch in den USA wird der Film wohl in erster Linie als ein Feuerwerk an Spezialeffekten und innovativer Technologie wahrgenommen; in zweiter Linie als eine schöne Science-Fiction-Fantasy-Erzählung. Aber hier in Perú ist die Realität eine andere, und nach allem, was ich gehört habe, funktioniert der Film hier in erster Linie über seine Botschaft, wird er vor allem als Metapher für diese Realität verstanden. Im Film sind es die blauen Bewohner des Planeten Pandora, die von Eindringlingen bedroht werden und ihre traditionellen Formen des Lebens verteidigen müssen. In Perú gibt es in diesem Sinne tausende Pandoras, in der Selva wie auch in der Sierra.
Faszinierend: Ich habe beobachtet, dass »Avatar« und sein Erfolg die Menschen hier beflügeln, weil sie meinen, dass die Botschaft des Films klar ist. Wenn sie von »Avatar« reden, dann geht es nicht um die atemberaubenden Computeranimationen, es geht über um »el mensaje«, um die Botschaft, die in der Geschichte steckt.
Und doch glaube ich, dass es leider nicht diese Geschichte mit der in ihr verborgenen schmerzhaften Aktualität ist, die »Avatar« neun Oscarnominierungen eingebracht hat (in der Kategorie »Bestes Drehbuch« war der Film ja beispielsweise nicht nominiert ...). Auch die Tatsache, dass es der »erfolgreichste Film aller Zeiten« ist, verdankt sich zu großen Teilen dem Fakt, dass die Eintrittskarten für 3D-Kino teurer sind als für herkömmliches Kino und »Avatar« auf diese Weise mit weniger Zuschauern mehr Einnahmen generiert.
Ich bin also sicher: Der kommerzielle Erfolg des Films hat – leider – nichts mit seiner Botschaft zu tun. Viele Zuschauer werden nicht den Schritt machen, von der Science-Fiction-Welt auf die Realität zu schließen – nicht nur in Perú gibt es Pandoras, überall auf der Welt kämpfen Menschen um ihren Lebensraum, ihre Würde, ihre Tradition. Kann »Avatar« wirklich darauf aufmerksam machen? Ich bezweifle es – aber die Menschen von Perú haben Hoffnung.
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